Magersucht – Eine Krankheit mit Geschichte

Der Wissenschaft ist Magersucht, oder auch Anorexia nervosa, bereits seit den 1870er Jahre bekannt. Bis die Krankheit aber auch in der breiten Bevölkerung als solche verstanden wurde, hat es noch eine ganze Weile gedauert. Inzwischen ist Anorexia nervosa leider durchaus häufig verbreitet und das heute vorherrschende überzogene Schlankheitsideal wird im Allgemeinen als Ursache gesehen.

Die Krankheit Magersucht

Heute sind Magersucht oder auch Bulimie bedauerlicherweise keine Seltenheit mehr, aber zumindest inzwischen in der Öffentlichkeit als Krankheit anerkannt. Bis es soweit kam, dauerte es jedoch lange. Noch vor wenigen Jahren wurden Erkrankte zum Teil hart verurteilt oder lediglich belächelt.

Die Ursachen für Magersucht sind sehr vielschichtig und nicht eindeutig zu erklären. Im Allgemeinen werden neben einer gewissen erblichen Veranlagung auch Selbstzweifel, Perfektionismus und übermäßige Sorge um das eigene Gewicht gesehen. Extrem verstärkt wird dies heutzutage durch ein gesellschaftliches Bild einer „idealen“ Figur, welche fast nicht erreichbar ist, uns aber in sämtlichen Medien vorgelebt wird. Gerade in der Pubertät lassen sich sowohl Jungen, als auch Mädchen besonders stark davon beeindrucken und sind entsprechend anfällig auf die von außen gegebenen Reize.

Hinzu kommt, dass es heute viel schwerer geworden ist als früher sein Gewicht zu halten. Maschinen nehmen uns die Arbeit ab, viele Menschen sitzen den überwiegenden Tag und bewegen sich zu wenig. Die Fülle an ungesunden Nahrungsmittel und Süßigkeiten tun ihr übriges dazu. Sie lachen aus den Regalen und den Medien, werden zudem von viel zu dünnen Menschen angepriesen, was suggeriert, dass es auch mit Süßigkeiten möglich ist einen Sixpack zu haben… ist es aber nicht.

Meist braucht aber es einen Konkreten Auslöser bis es wirklich zu krankhafter Magersucht kommt. Dieser Auslöser geht dann in aller Regel mit einem recht harten Umbruch im Leben einher. Dabei ist es egal, ob dahinter eine Trennung, ein Schulwechsel oder vielleicht auch ein Verlust eines Elternteils steht.

Wie alles begann – und weiterging

Erstmals wurde Magersucht bereits 1684 in der Literatur beschrieben. Als Krankheit erkannt und mit einer eigenen Diagnose versehen, wurde Magersucht aber erst im Jahr 1870 dokumentiert. Gesellschaftlich Umbrüche und die Veränderung des Frauenbildes bedingten, dass Magersucht seit dieser Zeit auch immer häufiger auftrat.

Bis Anorexia nervosa tatsächlich in der Öffentlichkeit bekannt wurde und den kleinen Kreis der Mediziner und Psychologen verließ, dauerte es aber noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. In den 1970ern wurde speziell in den US-Medien das Thema immer häufiger aufgenommen. Anfangs aber noch wurden darüber vor allem Witze gemacht und nicht die Krankheit hinter der Magersucht gezeigt. Dafür brauchte es weitere 10 Jahre. Erst seit den 1980ern nimmt die Anzahl der über Anorexia nevosa publizierten Literatur sprunghaft zu und auch auf Seiten der Wissenschaft gewannen die Forschungsarbeiten deutlich an Bedeutung.

Statistiken zur Magersucht

Betrachtet man die Zahlen der in Krankenhäusern diagnostizierten Fälle von Magersucht, so ist seit der Jahrtausendwende in Deutschland ein unglaublicher Anstieg zu erkennen. Von knapp über 5.000 Fällen steigerten sich diese auf derzeit über 8.000 Erkrankte. Die dahinterstehende Dunkelziffer ist dabei allerdings nicht mit registriert.

Das zeigt sich, wenn man auf offizielle Schätzungen schaut. Demnach haben heutzutage über 3 Millionen Menschen gefährliches Untergewicht und 100.000 leiden an Magersucht. Folglich ist auch heute Magersucht noch nicht vollständig als Krankheit akzeptiert. Denn glaubt man den Zahlen, so lassen sich nicht einmal 1% aller Betroffenen behandeln.

Der Schlankheitswahn in Deutschland

Was die Gesellschaft und insbesondere die Medien ausmachen, das zeigt sich bei Befragungen von insbesondere weiblichen Teenagern:

  • 90% der weiblichen Teenager geben an, abnehmen zu wollen
  • 50% der Mädchen unter 15 Jahren glauben trotz Normal- oder Untergewicht, dass sie zu dick sind
  • 75% aller Frauen halten ein Gewicht unter dem gesunden Normalgewicht am attraktivsten und damit erstrebenswertesten

Wenn man die Ergebnisse der Umfragen sieht, so ist es erstrebenswert, ein Umdenken in der Gesellschaft zu fördern. Gerade junge Menschen müssen vor einem zu viel an falschen äußeren Einflüssen geschützt werden. In Zeiten, in denen jede und jeder die Welt der Werbung einen Fingerstreich entfernt in der Hosentasche trägt ist dies fast nicht möglich. Wenn man schon die Werbung nicht verbieten kann, so ist es aber vielleicht möglich das falsche Lebensbild aus der Werbung zu verbannen.

Manche Unternehmen nehmen auch bereits ihre Gesellschaftliche Verantwortung war. Zwar dominieren immer noch extrem dünne Models die Werbewelt, doch kommen immer mehr Plus-Size-Models ebenfalls zu großem Erfolg. Bleibt abzuwarten, ob sich dahinter ein langfristiger Trend oder eine kurzfristige Mode verbirgt.

Suppenkasper, eine Geschichte über Magersucht

Der Suppenkasper ist eine der Geschichten im „Struwwelpeter“ von Heinrich Hoffmann. Jeder kennt ihn, es ist wohl eines der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbücher überhaupt. In der Geschichte des Suppenkaspers geht es kurz gesagt um einen Jungen, welcher sich weigerte seine Suppe zu essen und in der Folge innerhalb weniger Tag starb.

Der Suppenkasper ist, wie auch sämtliche andere Geschichten des Struwwelpeters, für die Erziehung von Kindern gedacht. Heute stehen diese Geschichten und der darin angewendete autoritäre Erziehungsstil mit seiner heftigen Bildsprache unter zum Teil starker Kritik. Betrachtet man die Geschichte aber aus der Zeit heraus, in der sie geschrieben wurde, so ist sie fast schon revolutionär. Erstmals wurde in der Literatur auf so anschauliche Art eine Form der Magersucht beschrieben.
Bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts war es eher undenkbar, dass jemand freiwillig die Nahrungsaufnahme verweigert. Viel zu oft wurde die Bevölkerung zuvor von Hungersnöten geplagt. Erst durch die landwirtschaftliche Revolution, die sich zu jener Zeit vollzog, konnte durchgängig genug Nahrungsmittel für alle teile der Bevölkerung angebaut werden. Erst jetzt gewann auch die freiwillige Verweigerung von Essen in der Erziehung an Bedeutung.

Heinrich Hoffmann selbst war Arzt und Psychiater. Aus dieser Profession heraus sind viele seiner Geschichteten entstanden. Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch der Suppenkasper ein Ergebnis seiner Arbeit in der Psychiatrie gewesen ist. Zumindest hat er es damit als erster geschafft das Krankheitsbild Magersucht in die breite Öffentlichkeit zu tragen.

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