Darum will die Lebensmittelindustrie den Nutri-Score untergraben

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Der sogenannte Nutri-Score ist ein System zur Qualitätskennzeichnung von Lebensmitteln. Genauer gesagt sorgt eine Farb- und Buchstabenskala für einen Überblick der Nährwerte des Produkt, wobei Grün (A,B) den besagten Artikel für gut befindet und Rot (E) für schlechte Qualitätsmerkmale steht. Das System wurde 2017 erstmals in Frankreich von dortigen Gesundheitsbehörden getestet und nun nach und nach versucht in mehreren Ländern zu etablieren, um dem Verbraucher möglichst schnell und unkompliziert Auskunft über verschiedene Lebensmittel zu geben und über die Zeit ein verstärktes Bewusstsein hinsichtlich einer ausgewogenen Ernährung zu gewährleisten.

Während der Europäische Verbraucherverband, deutsche Verbraucherzentralen und der gemeinnützige Idealverein Foodwatch den Nutri-Score gutheißen, gefällt den betroffenen Herstellern das transparente Bewertungssystem auf den Verpackungen eher weniger. Dementsprechend sind Teile der Lebensmittel-Lobby strikt dagegen, dass ihre eigentlich fair bewerteten, ungesunden Produkte auch offen als solche gekennzeichnet werden, weil dadurch natürlich der Umsatz zu sinken droht. Ein Lösungsansatz der Industrie ist eine neue Auslegung der Berechnungsgrundlage des Nutri-Scores, nach welchem bestimmte Produkte besser abschneiden. Aber welche expliziten Forderungen gibt es?

1. Wurst und Fleisch soll besser berechnet werden

Mit fettigem, abgepacktem Fleisch von gemästeten Tieren lässt sich viel Geld verdienen. Deshalb will der Lebensmittelverband Fleisch- und Wurstwaren im Bewertungssystem aufdröseln. Das Argument: Der Proteingehalt soll den Produkten positiv gutgeschrieben werden. Das Max-Rubner-Institut (MRI) ist eine Bundesforschungsbehörde für Ernährung und Lebensmittel, die diesbezüglich keinen wissenschaftlichen Handlungsbedarf sieht.

2. Säfte sollen mit Lebensmitteln gleichgesetzt werden

Ein hoher Zucker- sowie Kaloriengehalt führt im Algorithmus des Nutri-Scores zu einem negativen Endresultat bei der Bewertung von Säften. Aktuell steht lediglich Wasser ein Grünes A zu. Würde man den Forderungen der Industrie nachkommen, bekäme auch ein Fruchtsaft mit 60% mehr Zucker als Coca-Cola eine A-Bewertung. Nach Meinung des MRI verständlicherweise ein absoluten No-Go.

3. Die Berechnung soll von Portionsgrößen ausgehen

„Die Zusammensetzung eines Produktes ist unabhängig von seiner Verzehrmenge“, sagt das MRI zu diesem weiteren Wunschvorschlag. Würde man tatsächlich von Portionsgrößen ausgehen, würden zum Beispiel Süßigkeiten, Grillsoßen sowie Brotaufstriche eine bessere Bewertung bekommen und die einheitliche Berechnung, die eine elementare Grundlage zum Artikelvergleich darstellt, wäre ad absurdum geführt.

4. Milchmischgetränke sollen verbessert werden

Aktuell zählen Milchmischgetränke ab einem Milchanteil von 80% nicht mehr als Getränke, sondern als Nahrungsmittel, was sich wiederum auf die Berechnung auswirkt. Die Lebensmittel-Lobby will diesen Prozentsatz auf 70% senken, sodass beispielsweise zuckerhaltige Fertig-Kaffeegetränke in der Skala angeschoben werden.

5. Andere Kennzeichnungsmodelle sollen eingeführt werden

Was damit bezweckt werden will ist wohl klar: Je mehr Bewertungssysteme eingeführt werden, desto mehr unterschiedliche Aufdrucke mit anderen Ergebnissen landen auf den Produkten, wodurch das eigentlich zentrale Ziel eines schnellen, authentischen sowie wissenschaftlich unabhängigen Produktvergleichs letzten Endes unmöglich wird.

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