Der Traum vom Selbstversorger (Kommentar)

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Nie wieder schlechte Lebensmittel aus dem Supermarkt kaufen! Der eigene Herr über die eigene Lebensmittelproduktion und das natürlich 100% biologisch! Ein Stück weiter zurück zur Natur, so sieht der Traum von immer mehr Menschen aus. Doch der wahre Selbstversorger hat so das eine oder andere Verhängnis, das zum Teil aber erst auf den zweite Blick auffällt.
Bevor man sich zum Selbstversorger macht, sollte man sich überlegen in welcher Hinsicht dies geschehen soll. Möchte wirklich alles selbst hergestellt werden, so muss man sich wohl so mancher Handwerkskunst wieder bemächtigen. Das endet nicht beim Schneidern und Schustern, sondern auch Hygiene ohne Zahnpasta, Shampoo und Seife aus dem Supermarkt will gelernt sein. Seien wir ehrlich zu uns selbst, die gute neue Zeit hat doch auch seine Vorzüge. Der Selbstversorger kann sich, will man nicht vollständig ab der normalen Zivilisationsvorteilen leben, oft nur auf die Herstellung der eigenen Nahrungsmittel beschränken.

Aber ein eigener, alle meine Bedürfnisse deckender Garten würde ja vollständig ausreichen. Morgens stehe ich auf, sammle von den eigenen Hühnern die Eier, welche gemeinsam mit handgemachter Marmelade auf selbstgebackenem Brot, mein Frühstück zieren. Mittags eine leichte, schnell gebratene Gemüsepfanne aus dem Leckersten, was man sich nur vorstellen kann und Abends wird im eigenen Steinofen Pizza gebacken. Selbstverständlich garniert mit knackigem Salat in dem, genau wie ich es mag, eine Vielzahl an Radieschen sich um den besten Platz im Dressing schlagen.

Ein wahrlich zu romantisches Bild, dass sich hier zeichnen lässt. So oder so ähnlich ist es mir so manches mal auch schon durch den Kopf gegangen und ich dachte mir, wie schön es doch sein könnte. Aber kommen wir doch mal zur Realität. Beschäftigt man sich nämlich ernsthaft mit dem Gedanken, so muss man sehr schnell feststellen, dass es gar nicht so leicht und schon überhaupt nicht mühelos und romantisch zugehen wird.

Beginnen wir gedanklich im Frühling. Wir leben noch von den Vorräten des letzten Jahres: Kartoffeln, Rüben, Linsen und ein paar Apfel haben es bis hierher geschafft. Der Rest der Frischware ist entweder verzehrt oder über den Winter kaputt gegangen. Vielleicht findet sich ja noch irgendetwas im Gefrierschrank… mal schauen. Marmelade gibt es noch, aber das Getreide ist schon lange alle. Da kommt nämlich gar nicht soo viel für Brot bei raus. Eingekochte Tomaten oder Kraut gibt es ebenfalls noch, aber da hab ich heute echt keine Lust mehr drauf. Der Frühling naht und bald kommt ja all das Neue frisch aus dem Garten und damit auch wieder Abwechselung auf den Tisch.

Bevor ich all die Leckereien aber verspeisen kann, müssen diese gepflanzt werden. Das dauert jedoch mindestens noch bis Ende April oder Mai! Naja, dank dem Gewächshaus geht es ja zumindest etwas schneller. Das gehört aber wieder für die Saison fertig gemacht, um die Setzlinge vorzubereiten. Auch die Beete schauen jetzt noch schrecklich aus. Das Unkraut muss raus und der neu Kompost gehört darauf verteilt. Bei den größeren Feldern für Mais, Kartoffeln und Getreide wird der Herbstklee untergeackert und auch die Tierställe gilt es wieder zu richten.

Ohne jegliche Illusion zu rauben möchte ich dezent darauf hinweisen, dass es ohne Tiere nicht gehen wird. Gehen wir von einer männlichen Person mit etwa 80 kg und einer weiblichen von etwa 60 kg Körpergewicht und vermehrter körperlicher Beschäftigung aufgrund von Gartenarbeit aus, so erhalten wir für beide zusammen einen Kalorienbedarf von etwa 4300 kcal. Kommen noch Kinder oder weitere Erwachsene dazu, addieren wir diese entsprechend. Getreide hat auf 100g etwa 350 kcal, Kartoffeln 85cal und anderes Gemüse liegt bei etwa 35 kcal. Sie merken wahrscheinlich schon worauf ich hinaus will. Selbst als bekennender Vegetarier tue ich mir schwer zu glauben jeden Tag 10 kg Gemüse zu essen. Über den Winter, also von November bis April, brauchen die beiden jetzt mehr als 750.000 kcal, was etwa einer Tonne Kartoffeln entspricht. Bei einem Hektarertrag von etwa 25 Tonnen Kartoffeln bräuchte man ein Feld von 40 mal 10 Metern. Das ist ganz schon groß! Kartoffeln halten sich zwar sehr gut über den Winter, aber zum einen möchte ich die nicht zwangsläufig jeden Tag essen und zum anderen kann ich nicht jedes Jahr auf dem selben Fleckchen Erde immer wieder Kartoffeln anpflanzen. Außerdem brauche ich auch noch Platz für den Sommer.

Der Selbstversorger ist somit entweder stark im Nehmen und mit sehr kargen und einseitigen Mahlzeiten über den Winter zufrieden, oder er schafft sich ein paar Tiere an. Tierische Nahrung hat in aller Regel einfach mehr Kalorien als unser Gemüse oder die Kartoffel.

Aber Ende des Frühlings beginnt die Traumzeit des Selbstversorgers. Der Garten ist bepflanzt und alles wächst und gedeiht. Bei diesen Anbaumengen kommt man ab einem bestimmten Zeitpunkt aber nicht mehr wirklich hinterher. Das Unkraut sprießt ebenfalls und die warme Jahreszeit verdonnert einen zum Gießen… aber man hat es sich ja so ausgesucht. Ein Selbstversorgergarten ist ein Job für jeden Tag. Urlaub über den Sommer, die Hauptsaison des Gärtners, ist undenkbar. Dafür ist es ja auch zu Hause schön und niemals ist die Auswahl an selbst hergestellten Lebensmitteln größer als heute. Jeden Tag ist der Tisch reichlich gedeckt, man kann von den Sträuchern naschen und auch die übrigen Anstrengungen scheinen sich gelohnt zu haben.

Wenn der Herbst kommt gilt es sich aber schnell wieder Winterfest zu machen. Alles was man lagern kann, muss auch gelagert werden. Alles was eingekocht oder getrocknet werden kann, muss für den Winter haltbar gemacht werden. Der Samen ist das Wichtigste! Ohne den geht es im Folgejahr nicht mehr weiter. Von allen Sorten müssen über den Winter Samen hergestellt werden, denn der Selbstversorger wäre kein Selbstversorger, würde er einfach im Baumarkt sich jedes Jahr wieder mit neuem Saatgut eindecken.

Am Ende des Herbstes, wenn die Tage wieder eher kurz sind, ist die Arbeit dann auch weitestgehend geschafft. Die Vorratskammern sind gut gefüllt und der Gärtner kann sich wieder über seine Kartoffeln freuen.

Klingt es nicht doch ein wenig romantisch?

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