Drei Millionen Kinder wachsen in Suchtfamilien auf

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Schätzungsweise jedes sechste Kind in Deutschland wächst mit einem Elternteil auf, der alkohol- oder drogenabhängig ist. Das gibt der Paritätische Gesamtverband am Montag bekannt. Die Leiden für die Kinder sind groß und können langfristig zu schweren psychischen Störungen führen.

Als bundesweite Gegenmaßnahme möchte die „Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien“ Aufmerksamkeit auf das Thema lenken. Kinder haben oft mit der Stigmatisierung und Tabuisierung der Krankheit ihrer Eltern zu kämpfen. Innerhalb dieser Woche sind rund 120 Veranstaltungen in mehr als 60 Städten geplant, die auf das Schicksal betroffener Kinder hinweisen sollen. Außerdem wird ein flächendeckendes und regelfinanziertes Hilfesystem für Kinder gefordert. Diese Aktionswoche findet zeitgleich in der USA, der Schweiz und in Großbritannien statt.

Die Problematik

Kinder aus betroffenen Suchtfamilien suchen sich oft keine Hilfe. Sie schämen sich oder haben Angst vor Konsequenzen. „Stattdessen übernehmen sie Rollen, die weder ihrem Entwicklungsstand, noch ihren Kräften entsprechen“, so Rolf Rosenbrock der Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbands. Die Folge: Oftmals werden sie selbst abhängig und sind stark gefährdet eine psychische Krankheit oder soziale Störung zu entwickeln. Kinder geben sich häufig selbst die Schuld für die schlechte Situation und achten mehr darauf wie sich die Eltern fühlen, als auf sich selbst. Zudem ist in Familien mit Alkoholproblemen physische sowie verbale Gewalt ein weit verbreitetes Thema.

Die Symptome müssen besser erkannt werden

Betroffene Kinder zeigen ihre Problematik unterschiedlich. Die Einen ziehen sich zurück, andere werden aggressiv oder spielen sich zum Klassenclown auf. Die prekäre Situation der Kinder werde nur bei einem Bruchteil erkannt und das oft sogar nur zufällig. Rosenbrock fordert dazu auf, „(…) dieses stille Leiden öffentlich wahrzunehmen“, dabei sei auch die Politik gefragt. Diese hat 2017 beschlossen, dass Kinder psychisch- und suchtkranker Eltern in Deutschland Hilfe bekommen sollen. Dazu gehören Aufklärungskampagnen, so wie die aktuelle, Aus- und Weiterbildung für Erzieher, Lehrer, Ärzte und Psychotherapeuten. Die Weiterbildung ist enorm wichtig, denn aktuell nutzen nur wenige Kinder die speziellen Hilfsangebote. Wenn mehr Menschen in der Lage sind betroffene Kinder zu erkennen, zu verstehen und zu unterstützen, haben diese Kinder eine Chance ohne allzu große Schäden diesen Abschnitt des Lebens zu überstehen. Denn nur etwa ein Drittel der Kinder aus Suchtfamilien tragen keine langfristigen Schäden. Es wird davon ausgegangen, dass es die Kinder sind, die einen stabilen Ansprechpartner außerhalb der Familie hatten. Nur so kann der Teufelskreis gebrochen werden bei dem Kinder aus Suchtfamilien selbst zu Süchtigen und psychisch kranken Erwachsenen mit Kindern werden.

Sucht neu denken

Ein Satz der mich sehr berührt hatte war sinngemäß dieser: „Ich frage nicht: Warum die Sucht? Sondern: Warum der Schmerz?“. Dieser Satz stammt von Dr. Gabor Maté ein bekannter Sucht-Spezialist, Arzt und Autor. Er arbeitete 12 Jahre lang in Vancouvers Downtown Eastside, einem Viertel mit einer hohen Konzentration von Konsumenten starker Drogen. So berichtet er, dass er nicht eine Patientin von Hunderten behandelt hat, die nicht als Kind sexuell missbraucht worden war. Männliche Patienten waren körperlich, sexuell und emotional missbraucht und vernachlässigt worden. Er schließt daraus: Alle Abhängigkeiten, ob Alkohol oder Drogen, Sexsucht oder Internetabhängigkeit, Glücksspiel oder Shopping, sind Versuche unsere inneren Gefühlszustände zu regulieren, weil wir uns nicht wohl fühlen und das gleiche Unbehagen wie in der Kindheit entsteht.

Innerer, psychischer Schmerz wird außerdem im Gehirn genauso wahrgenommen wie physischer, also körperlich zugefügter Schmerz. Sucht ist ein (vermeintlicher) Ausweg aus diesem Schmerz. Keith Richards, der Gitarrist der Rolling Stones schrieb über seine eigene Heroin Sucht, es war eine Suche nach dem Vergessen. Wir gehen durch all das, nur um ein paar Momente nicht wir selbst sein zu müssen. Süchtig machende Substanzen oder andere Arten von Sucht sind dazu da, um den Schmerz zu lindern oder uns zumindest davon abzulenken. Anders gesagt: Sucht ist keine „Wahl“ oder in den Genen zu suchen, sondern in den schmerzhaften (traumatischen) Erfahrungen die wir im Leben gemacht haben.

Genau dieser Erfahrungen sollen die Kinder nicht machen, dafür kämpft die Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien. Wer sich mit dem Thema tiefer auseinandersetzten möchte, dem kann ich wärmsten Herzens die Vorträge von Dr. Gabor Maté auf YouTube empfehlen. Zusammen mit Dr. Gordon Neufeld hat er sich zudem mit Elternschaft und Kindesentwicklung beschäftigt. Seine Erkenntnisse bezüglich ADS und ADHS sind bahnbrechend und einleuchtend, genauso wie seine Schlüsse zur Verknüpfung zwischen psychischer und physischer Gesundheit und wie aus psychischen Traumata in der Kindheit Autoimmunerkrankungen oder Krebs entstehen können. Ergänzend dazu empfehle ich den deutschen Neurobiologen Dr. Gerald Hüther, der leicht verständlich die Entwicklung des Gehirns und die Lernprozesse im Gehirn erläutert und wie wir diese verbessern und verändern können.

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