Urban Gardening – zwischen Wirklichkeit und Zukunft

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Urban Gardening ist eines der stadtplanerischen Schlagwörter der Zeit. Die Sehnsucht nach Natur, Naturerlebnis und Grün durchzieht Großstädte weltweit, nicht nur in Hamburg, München oder Berlin. Urban Gardening zeigt sich in unterschiedlichen Ausprägungsformen hinter denen sich ganz individuelle Motivationen der Gärtner finden lassen. Nur die Prinzipien sind überall gleich.

Hinter dem Begriff Urban Gardening stecken verschiedene Facetten. Zuerst mag man an Gemeinschaftsgärten in Berliner Szenevierteln denken, in denen die Nachbarschaft sich zum gärtnern trifft. Großstadthipster entdecken erneut die Natur und belegen damit freie Flächen, welche aufgrund fehlender Alternativen von der jeweiligen Stadt überlassen werden. In alten mit Erde befüllten Säcken und Kisten werden mit Hilfe von Europaletten Hochbeete angelegt und Saltpflänzchen gepflanzt. Das Gärtnern in der Stadt, und nichts anderes ist Urban Gardening genaugenommenen, sollte jedoch deutlich weiter gefasst betrachtet werden, als eine Hipsterbewegung. Vielleicht liegt darin sogar die Zukunft unserer Stadtentwicklung.

Urbanes Gärtnern – aus alt mach neu

Es beginnt bereits im Kleinen. Inzwischen haben sich Begriffe wie Indoor Gardening, Home Gardening oder Balcony Gardening in den Sprachgebrauch etabliert. Damit haben kleine „Gärten“ auf der Fensterbank oder dem Balkon ihren Anglizismus erhalten, welcher nicht nur besser klingt, sondern unter dem sich im Internet auch entsprechende Anleitungen finden lassen. Das reicht von der einzelnen Tomatenpflanze oder dem Pflücksalat bis hin zur eigenen Kultur an Kräutern und Gewürzen für den täglichen Gebrauch. Die Sonnenseite der Wohnung wird jetzt nicht mehr für die Grünlilie, Orchidee oder den Kaktus reserviert. Vielmehr ist jetzt Balcony Gardening angesagt.

Auch in ganz traditionellen Formen des Gärtnerns lässt sich Urban Gardening erkennen. Ein Schrebergarten oder der Garten hinterm Haus würde niemand mit dem Begriff des Urban Gardenings behaften. Dafür scheinen diese Formen zu antiquiert oder zu „normal“. Der Berliner Gemeinschaftsgarten macht letztendlich jedoch nichts anderes. Damit auch der Kleingärtner seinen neuen Anstrich erhält und sich im Trend bewegt, erlangen derzeit Pflanzformen wie das Square Foot Gardening oder auch Vertical Gardening immer größere Beliebtheit.

Um bei den Anglizismen zu bleiben, möchte ich einen weiterer Trend des Urban Gardenings nicht vernachlässigen – das Guerilla Gardening. In Manier des Guerilla-Kämpfers wandern Gartenaktivisten durch ihr Stadtquartier und holen ganze Stadtstriche aus ihrem tristen grau, indem sie diese durch das Bepflanzen mit Blumen, Obst und Gemüse bereichern. Daran angelehnt haben sich bereits mehrere Städte diese aktivistischen Kräfte zunutze gemacht und das „Die-Stadt-Verändern-Wollen“ zum Prinzip erklärt. Mit Hilfe von engagierten Bürgern werden für jeden zugängliche Community Gardens angelegt und diese von der Stadt tatkräftig unterstützt. So werben heute immer mehr Städte mit der „essbaren Stadt“ und dem Wohnen im grünen Stadtquartier. Urban Gardening bringt Identität, Lebensqualität und lebendige Nachbarschaften.

Vom Urban Gardening zum Urban Farming

Man kann Urban Gardening auch aus der Berliner Hipsterecke und dem Schrebergarten herauslösen. Was im emsigen Klein-Klein von Tausenden auf den Fensterbänken beginnt, findet seine Antwort im Urban Agriculturing und Urban Farming. Dort geht es nicht mehr um die einzelne Pflanze und das Erlebnis des Gärtnerns, es werden essentielle Fragestellungen der zukünftigen Ernährung erörtert. Immer mehr wandern in die Städte dieser Welt, über die Hälfte aller Menschen sind bereits da. Allen gemeinsam ist ein Grundbedürfnis – sie wollen essen!

Unsere Lebensmittel sollen heute möglichst frisch und ökologisch hergestellt werden. Am besten kann ich alles zu einem akzeptablen Preis ganzjährig verkochen. Saison hat was schmeckt und nicht was das Urban Gardening Projekt gerade so hergibt. Einen Winter mit fast ausschließlich Kohl und Kartoffeln kann und mag sich heute keiner mehr vorstellen, denn so ganz ohne Erdbeeren, Bananen und Avocado geht es halt dann doch nicht.

Architekten und Stadtplaner entwerfen bereits landwirtschaftliche Betriebe, welche sich nicht horizontal in der Fläche ausbreiten, sondern wie Hochhäuser in die Höhe streben. Diese Urbanen Farmen sollen nach deren Meinung eine Lösung für heutige und erst recht zukünftige städtische Ernährungsproblematik darstellen. Statt dem Acker auf weiter Flur dominiert das Vertical Farming im großen Maßstab. High-Tech Farmen produzieren in unseren Städten unter Mithilfe von Unmengen – natürlich regenerativ erzeugtem – Strom, das was sonst die Sonne auf dem Feld erledigt. Synthetisches Sonnenlicht und Nährkultur garantieren dabei optimale Wachstumsbedingungen unter kontrollierten Rahmenbedingungen. Sterile Luft macht Fungizide und Herbizide unnötig und auch Insekten oder Schnecken stellen keine Gefahr mehr für eine ertragreiche Ernte dar.

Was vielleicht etwas negativ klingt, hat durchaus seine Berechtigung. Man sollte sich keinen Illusionen über die Massen an Lebensmitteln hingeben, welche tagtäglich in unsere Großstädte transportiert werden. Millionen von Menschen müssen weltweit dort versorgt werden. Dafür wird ein ungeheurer Aufwand betrieben, der die Straßen verstopft und die Luft verschmutzt. Als Resultat erhält man nicht mehr ganz frisches „frisches Gemüse“ aus dem weit entfernten, nicht mehr ganz so idyllischem „ländlichen Idyll“.

So futuristisch die Vision klingt, so wenig verwundert es, dass ausgerechnet Japan, Korea und Singapur Vorreiter des Urban Farmings sind. Die ersten urbanen Farmen haben dort ihren Betrieb aufgenommen. Noch sind die Lösungen teuer, je aufwendiger es allerdings wird unsere Bodenqualität zu erhalten, desto rentabler werden diese Stadtfarmen werden. Hört man auf Propheten im Energiesektor oder betrachtet die derzeitige Entwicklung der Energiepreise an der Strombörse in Leipzig, so wird Strom in Zukunft fast nichts mehr kosten. Arbeitskräfte werden bei modernem Urban Farming ohnehin nur noch bedingt gebraucht. Als Konsequenz können wir wahrscheinlich bald fast kostenlos unser Gemüse inmitten der Abnehmer anbauen. Kein Transport oder Unwetter verhagelt die Qualität!

Urban Gardening – künstlich, bunt und vertikal

Egal welche Form des Urban Gardening man sich anschaut, der kleine Balcony Gardener oder das große Urban Farming Hochhaus, alle beruhen auf ähnlichen Grundprinzipien. Der Community Gärtner braucht Säcke und Kisten, weil der Boden durch seine langjährige urbane Überformung verseucht ist. Der urbane Farmer leistet sich zur Vollautomatisierung idealtypische Lebensbedingungen, was natürliche Lebensgrundlagen unbrauchbar macht. Nicht ein mal der Kleingärtner schafft es aufgrund zu geringer Fläche seinen Stoffkreislauf zu erhalten. Das Urban Gardening ist auf den Nährstoffeintrag von Außen angewiesen, denn der städtische Platzmangel erlaubt es derzeit nicht, sich regenerierende Ausgleichsflächen zu schaffen. Das Urban Farming kennt auch keine Drei-Felder-Wirtschaft mit seinen Zeiten der erholsamen Brache. Vielleicht tauschen wir die LKWs mit Obst, Fleisch und Gemüse einfach durch Tanklaster mit Flüssigdünger oder Sattelschlepper mit Blumenerde.

Urban Gardening lebt vom Prinzip der Mischkultur. Monokulturen, wie wir sie in den ländlichen Gebieten der Vereinigten Staaten in perfekter Reinform finden, wird es in Städten nicht geben. Von der Vielfalt lebt das Erlebnis der Gartengemeinschaft, es würde schlichtweg keinen Spaß machen ausschließlich Kartoffeln oder Endiviensalat zu pflanzen. Unser Urban Gardening Projekt strebt nach Abwechslung auf dem Teller. Dem urbanen Farmer geht es in dieser Hinsicht nicht anders. Er muss dem Konsumenten ein differenziertes Angebot bieten. Selbst wenn der eine Urban Farming Betrieb lediglich Salat produziert, so wird sein Nachbar wahrscheinlich eher auf Tomaten setzen.

Ein zunächst letztes gemeinschaftliches Prinzip, aber auch ein aus der Gegebenheit resultierende Notwendigkeit jeglicher Formen des Urban Gardenings, ist das Vertical Gardening. Was in der Fläche nicht funktioniert, muss in der Höhe verwirklicht werden. Auf dem Balkon steht das Regal mit den Kräutern, im Schrebergarten wächst der Salatbaum und im Großen wird ein Agrartower bewirtschaftet. Als Pendant der städtebaulichen Verdichtung oder dem Leitbild der 1960er Jahre „Urbanisierung durch Dichte“ folgt zeitlich versetzt die innerstädtisch Grünkomprimierung bzw. eine Flächenertragssteigerung durch Höhe.

Urban Gardening ist Sehnsucht, Kritik und wirtschaftliche Konsequenz

Je größer unsere Städte werden, je mehr Fläche mit Beton überzogen wird und je länger die Phasen der Bewohner dauern, bis sie hin und wieder ins Grüne kommen, desto stärker wird die Sehnsucht nach Natur sein. Der Stadtmensch ist kreativ und schafft sich durch Urban Gardening sein eigenes ländliches Idyll in seinem städtischen Reich. Aus diesem Grund leben Menschen in der Stadt. Sie lieben das Kulturangebot neben dem Supermarkt und der perfekten ÖPNV-Anbindung, welche sich in Zukunft einen Steinwurf vom eigenen kleinen urbanen Garten befindet.

Der Aufgeklärte Stadtmensch hat vielleicht noch nie einen landwirtschaftlichen Betrieb gesehen, geschweige denn gerochen. Darüber gelesen hat er auf jeden Fall. Die Kritik an unserer konventionellen Landwirtschaft teilt er und versucht sich Dank Bio-Kiste und Bio-Supermarkt am Leben zu erhalten. Urban Gardening verschafft einen Ausweg aus dem Teufelskreis der Ernährungslügen und -skandale. Endlich ist man selbstbestimmt und hat sein Essen in der eigenen Hand. Geschmacksverstärker, Monsanto und Konsorten machen ohnehin bereits viel zu viel kaputt.

Immer dann wenn sich eine wirtschaftliche Lücke auftut, dann wird das Gesetz von Angebot und Nachfrage diese schnell wieder schließen. Reine, unbefleckte Nahrungsmittel! Ein Traum für jeden Hypochonder und Großstadt-Neurotiker. Wem das Urban Gardening nicht geheuer ist, der zahlt Höchstpreise an den urbanen Farmer.

Urban Gardening ist auf dem Weg von der heutigen Wirklichkeit zu einer visionären Zukunft!

PS: Für jeden der sich ein Urban Gardening Gemeinschaftsgarten einmal live Vor-Ort ansehen möchte für den haben wir die wahrscheinlich bekanntesten Projekte in einer Übersicht aufgelistet.

Liste Urban Gardening Projekte:

  • Prinzessinnengarten, Berlin
  • Garten Rosa Rose, Berlin
  • Projekt Inselgrün, Stuttgart
  • Deck des Züblin-Prakhaus, Stuttgart
  • Bluepingu e.V., Nürnberg
  • Agrikulturpark Freiham, München
  • o‘ pflanzt is, München
  • Neuland, Köln
  • Gartendeck, Hamburg
  • Keimzelle, Hamburg
  • hackmuseumsgArten, Ludwickshafen
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