Lebensmittelkennzeichnung – Chile macht es vor!

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Bei der Diskussion um die Lebensmittelampel sind die Lager gespalten. Unsere für Lebensmittel zuständige Ministerin, Frau Klöckner, ist auf jeden Fall dagegen. Vielleicht würde es sich ja lohnen mal ein wenig über den eigenen Tellerrand zu schauen – zum Beispiel bis nach Chile, dem Land mit dem strengsten Lebensmittelkennzeichnungsgesetz der Welt.

Der chilenische Weg

Seit 2016 haben die Chilenen das Gesetz zur Kennzeichnung von Lebensmitteln geändert. Inzwischen müssen alle Lebensmittel mit zu viel Zucker, Fett, Kalorien oder Salz ganz deutlich auf der Vorderseite des Produktes gekennzeichnet werden. Eine Lebensmittelampel gibt es obendrein.

Damit ist der chilenische Weg aber noch nicht zu Ende. Alle gekennzeichneten Produkte sind zudem harten Auflagen unterworfen. So dürfen diese nicht mehr in Schulen verkauft werden. Das hat auch auf die Schulkantinen starke Auswirkungen, sie dürfen gewisse Zutaten nicht mehr zur Zubereitung ihrer Speisen verwenden.

Als wäre das noch nicht genug, so werden ungesunde Lebensmittel in Chile auch mit Werbeverboten bestraft. Tagsüber zwischen 6 und 22 Uhr darf für derartige Produkte keine Fernsehwerbung mehr ausgestrahlt werden. Auch gezielte Werbung für unter 14jährige ist verboten. Sämtliche Comichelden und Zeichentrickfiguren sind von den Verpackungen verschwunden. Derzeit wird sogar noch über eine Sondersteuer für die gekennzeichneten Produkte nachgedacht.

Bereits jetzt erste Erfolge sichtbar

Aus Sicht der deutschen Ampel-Debatte klingt das fast unvorstellbar. Der Aufstand der globalen Lebensmittelindustrie in Chile war ebenfalls sehr groß. Gerichtsverfahren wurden angestrebt und auch seitens der Politik war es ein harter Kampf bis das Gesetz in seiner jetzigen Form erlassen wurde. Doch es hat sich gelohnt.

Die ersten Erfolge sind bereits nach nur einem Jahr sehr deutlich sichtbar. Viele Menschen ernähren sich in Chile inzwischen gesünder. So ist der Konsum von Schokolade beispielsweise signifikant zurückgegangen. Aber auch die Lebensmittelkonzerne haben reagiert. Viele Rezepturen der unter die Kennzeichnungspflicht fallenden Produkte wurden geändert. Der Einsatz von Zucker, Salz und gesättigten Fetten ist darin jetzt deutlich reduziert. Jeder versucht mit seinen Produkten unter den Grenzwerten zu bleiben, um ja keine Kennzeichnungspflicht und somit Sanktionen zu befürchten müssen.

Veränderungen wären höchste Zeit

Die Menschheit wird immer dicker. In Deutschland gilt sogar jeder Fünfte (!) als adipös. Das ein „Weiter so“ nicht mehr hilft, sollte damit eindeutig bewiesen sein. Die aktuelle Entwicklung belastet auch unser Gesundheitssystem. Vor kurzem haben sich allein 2.000 Ärzte an die Bundesregierung gewandt und sich für eine Nährwertampel und eine Zuckersteuer ausgesprochen. Denn insbesondere stark verarbeitete Lebensmittel sind an der Verfettung der Gesellschaft schuld. Sie sind zu salzig, zu fettig und enthalten zu viel Zucker. Die daraus resultierenden Konsequenzen, wie etwa Diabetes, Herzleiden oder auch Krebs verursachen für unsere Sozialsysteme Kosten in Höhe von 63 Milliarden Euro. Vieles davon könnte man sich mit der passenden Ernährung sparen.

Unsere Politiker predigen stets eine schwarze Null im Haushalt. In Puncto Ernährung hätten wir einen Posten an dem man aber wirklich horrende Kosten einsparen könnte. Da wird aber nicht hingefasst. Mehr noch, es wäre im selben Zuge möglich unsere Gesellschaft gesünder und noch leistungsfähiger zu gestalten. Unsere Politiker beugen ist aber leider viel zu oft dem Einfluss der Lobby der Industrie. Es traut sich derzeit keiner unserer hohen Volksvertreter aktiv etwas gegen den sich zuspitzenden Ernährungsmissstand zu unternehmen.

Chile gegen die Lebensmittelindustrie

Wie aber sind in Chile derart harte Standards durchgesetzt worden? Vielleicht könnten unsere Politiker ja davon lernen! In der Tat, sie könnten durchaus profitieren. Wo es beispielsweise in Deutschland die Industrie geschafft hat, sich überall mit deutlicher Präsenz mit an den Verhandlungstisch zu setzen, da hat Chile einen anderen Weg gewählt. Auch in Chile wurden alle Vertreter sämtlicher Interessengruppen im Rahmen von öffentlichen Anhörungen ausführlich angehört. Jeder durfte seine Position mit in die Diskussion einbringen, die Regeln wurden aber am Ende ohne die Lebensmittelindustrie gemacht.

Da es bei dem Gesetz um die Gesundheit geht, wurde das Gesetz auch dem Gesundheitsausschuss des Parlamentes übergeben. Das bedeutete, dass das Landwirtschaftsministerium, wie auch die Industrie, nicht mit verhandeln durfte. Interessenskonflikte sind somit weitestgehend vermieden worden.

Das ein solches Vorgehen der Politik nicht schadet, das kann man ebenfalls in Chile ablesen. Unglaubliche 77 Prozent der Chilenen stehen hinter den neuen Kennzeichnungsregeln. Von solchen Zustimmungsraten können deutsche Gesetze in aller Regel nur träumen. Chile hat damit bewiesen, dass die Politik zum Wohle des Volkes handeln kann und das selbst mit massivem Gegenwind seitens Handel und Industrie. In fünf Jahren werden wir wohl auch die ersten positiven Nachrichten über einen Gesundheitsboom in Chile hören – davon bin ich fest überzeugt. Denn wer weniger schlechte Lebensmittel isst, der wird auf Dauer auch davon profitieren.

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